Anatomie und Funktion des Pferderückens

Quelle: Ronald J. Riegel, Susan E. Hakola: Bild-Text-Atlas zur Anatomie und Klinik des Pferdes, Schlütersche GmbH & Co KG, Hannover,1999

Die Brustwirbelsäule

Der Pferderücken besteht aus der Brustwirbelsäule mit 18 Wirbeln, die nach oben durch lange schmale Knochen verlängert sind – die Dornfortsätze. Diese sind besonders deutlich im Bereich des Widerrists ausgeprägt. An beiden Seiten eines jeden Wirbels setzten mit kleinen Gelenken die Rippen an, die oval nach unten laufen und dort von beiden Seiten am Brustbein – ein kielförmiger Knochen zwischen den Vorderbeinen bis in die Gurtlage – ansetzten. Die hinteren Rippen setzten nicht direkt an, sondern sind über sog. Knorpelleisten mit dem Brustbein verbunden.

Die Lendenwirbelsäule

Sie besteht aus sechs Wirbeln mit größeren Wirbelkörpern, kurzen Dornfortsätzen die Richtung Pferdeschädel zeigen und sehr langen Querfortsätzen, die seitlich und horizontal vom Wirbel wegstehen.

Das Kreuzbein

Es ist aus fünf Wirbeln zu einem festen Knochen zusammengewachsen. Bei Fohlen und Jungpferden sind diese Knochennähte oft noch instabil.

Die Schwanzwirbel

Circa 20 Wirbelkörper, alle relativ klein und zum Großteil zusammengewachsen.

An jedem Wirbelkörper befinden sich vorne und hinten Gelenkflächen für den benachbarten Wirbel. Diese sind mit Knorpel überzogen, der als „Stoßdämpfer“ und „Gleitlager“ für die Wirbelsäulenbewegungen dient. Zwischen jeweils zwei Wirbeln treten auf beiden Seiten Nervenwurzeln (Radix) durch kleine Löcher aus, durch die die Nerven vom Rückenmark aus in den Körper ziehen.

Aufhängung der Wirbelsäule

Die ganze Wirbelsäule ist wie eine Hängebrücke zwischen Schulterblättern und Becken aufgehängt, wird also nicht von den Beinen getragen! Die Aufhängung zwischen den Schulterblättern erfolgt über große tiefliegende Muskeln, die den Brustkorb tragen. Am Becken liegt ein kleiner Teil der Beckenknochen beidseits über dem Kreuzbein, dort stoßen die Knochen in einem kleinen unechten Gelenk aufeinander. Diese Kreuzbein-Darmbeingelenk (medizinisch ISG) ist eine Bandhaft, dass heißt sehr starke Bänder halten die Knochen aneinander, Knorpel und Gelenkkapsel fehlen aber. Hier findet eine "federnde" Bewegung statt, die für die Kraftübertragung von der Hinterhand auf die Wirbelsäule notwendig ist. Blockierungen in diesen Gelenken aben einen negativen Einfluß auf den ganzen Bewegungsablauf des Pferdes. Die Brustwirbelsäule ist in dieser Aufhängung von unten durch den Brustkorb (Rippen und Brustbein) und dessen Muskulatur gestützt, die Lendenwirbelsäule ist de facto eine „freitragende Konstruktion“.

Stellt man sich nun einen Reiter auf dieser "aufgehängten" Wirbelsäule sitzend vor, hat man eine Ahnung welche muskuläre Leistung ein Pferd aufbringen muss um den Reiter ohne körperliche Schäden zu tragen!

Wichtige Wirbelsäulenbänder Bänder verleihen Stabilität und begrenzen zu große Bewegungen. Besonders wichtig an der Wirbelsäule ist das Längsband, das am gesamten Rücken von Dornforsatz zu Dornforsatz zieht und im Halswirbelbereich eine breite und feste Platte (Nackenband) bildet die an den Halswirbeln und am Hinterkopf festgemacht ist. Aber auch unter der Wirbelsäule und zwischen jedem einzelnen Wirbel gibt es Bänder.

Bewegung der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist dreidimensional beweglich. Sie kann sich beugen und strecken, kann sich vor allem in der Lendenwirbelsäule zur Seite beugen, während in der Brustwirbelsäule die Rotation um die Längsachse am stärksten ausgeprägt ist. Seitwärtsbeugung ist immer mit Rotation verbunden.

Ausgelöst wird die Bewegung durch die Muskulatur. Einige Muskelgruppen kurz zusammengefasst:

Die tiefe Rückenmuskulatur , bestehend aus relativ kurzen Muskeln die schräg von einem Wirbel zum nächsten ziehen. Sie sind für die Feineinstellung der einzelnen Wirbel in der Bewegung zuständig.

Die lange Rückenmuskulatur , die beidseits an der Wirbelsäule entlangläuft und auf der wir sitzen. Allerdings trägt uns das Pferd nicht aktiv mit dieser Muskulatur, denn sie ist dafür zuständig den Rücken nach unten wegzudrücken (Streckung). Einseitige Anspannung eines Rückenmuskels biegt die Wirbelsäule zur Seite. Verspannungen dieser Muskulatur zum Beispiel durch einen unpassenden Sattel bereiten nicht nur Schmerz, sondern die Muskeln verhindern dann sogar durch ihr Verkrampfen die Beugung der Wirbelsäule nach oben, die wir beim Reiten benötigen.

Quelle: Jean-Marie Denoix, Jean-Pierre Pailloux: Physiotherapie und Massage bei Pferden, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1997

Die schrägen und geraden Bauchmuskeln , die alle die Wirbelsäule nach oben beugen also aktiv die „Rückenbrücke“ bauen. Die schrägen Bauchmuskeln sind zusätzlich sehr aktiv bei der Seitwärtsbiegung.

Es gibt viele Muskeln, die von der Wirbelsäule kommen und zur Vorder- oder Hinterhand ziehen. Diese können alle auch umgedreht die Wirbelsäule bewegen wenn zum Beispiel das jeweilige Bein am Boden steht oder durch andere Muskeln fixiert ist.

Beispiel:

Der Lendenmuskel kommt von der Lendenwirbelsäule und zieht zum Oberschenkel, kann also entweder das Hinterbein nach vorne ziehen oder bei stabilisiertem Bein (Versammlung mit vermehrter Hankenbeugung) die Lendenwirbelsäule nach oben beugen.

Wie trägt uns das Pferd?

Den Hauptteil unseres Gewichts trägt das Pferd mit der Wirbelsäule. Damit wir diese nicht nach unten durchdrücken und im schlimmsten Fall die Dornfortsätze gegeneinander drücken muss das Pferd seine Wirbelsäule aufwölben. Die Aufwölbung erfolgt sowohl aktiv als auch passiv. Die passive Anhebung der vorderen Brustwirbelsäule bis circa zum 14. Brustwirbel geschieht über die Stellung des Halses und Kopfs. Sowohl bei einem langen vorwärts-abwärts Strecken als auch bei aufgerichtetem Hals und gebeugten Kopfgelenken („am Zügel“) kommt das Nackenband, das ja am Hinterkopf ansetzt unter Spannung. Das zieht weiterlaufend die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule nach vorn-oben, sie hebt sich.

Die Wölbung der hinteren Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule geschieht durch die Aktivität zweier großer Muskelgruppen. Zum einen die Bauchmuskeln, die den unteren Teil des Beckens nach vorne ziehen und damit durch Hebelwirkung den oberen Beckenrand nach hinten unten bewegen. Der Beckenrand nimmt über die ISG das Kreuzbein mit nach hinten-unten und zieht so die Lendenwirbelsäule nach oben in Beugung. Dasselbe wird von der oberen Kruppenmuskulatur (entspricht unserer Gesäßmuskulatur) und dem beschriebenen Lendenmuskel gemacht. Sie ziehen bei stabilisiertem oder untertretendem Hinterbein ebenfalls den oberen Beckenrand nach hinten.

Versammlung
Quelle: Jean-Marie Denoix, Jean-Pierre Pailloux: Physiotherapie und Massage bei Pferden, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1997

Rückentraining unter dem Reiter

Ausgehend von dieser Rückenfunktion sollte man Pferde langsam vom langen, schwungvollen (Untertritt der Hinterhand beugt hinteren Rücken) vorwärts-abwärts Reiten in Richtung einer Versammlung ausbilden. Die echte Versammlung verlangt dem Pferd aber sehr viel Kraft der Hinterhand-/Bauch-/Nackenmuskulatur ab und sollte immer wieder von vorwärts-abwärts Phasen unterbrochen werden um Verspannungen dieser Muskeln zu vermeiden.

Ebenso wichtig ist die Gymnastizierung mit Seitwärtsbiegung der Wirbelsäule um die tiefen kurzen Rückenmuskeln anzuregen und die Feineinstellung der Wirbelsäule zu verbessern. Auch die schrägen Bauchmuskeln werden durch dieses Training gekräftigt. Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Seitwärtsbiegung als Kräftigung der langen Rückenmuskeln, da der jeweils innere Rückenmuskel stark arbeiten muss. Dies ist die sinnvollste Form der Arbeit für diese Muskelgruppe da seine Hauptfunktion der Rückenstreckung für die Tragfähigkeit ja eher einen negativen Aspekt bildet. Bei Seitwärtsbiegung wird die äußere Seite gedehnt, wodurch sich kleine Verspannungen im äußeren Rückenmuskel beziehungsweise allen Muskeln der äußeren Seite lösen lassen. Wichtig ist dabei ein korrekt sitzender Reiter, der nicht vermehrt den äußeren gedehnten Muskel belastet. Ähnlich ist die Wirkung auf die Wirbelsäule. Es entsteht außen eine Dehnung auf Gelenkkapsel und Bänder. Die äußeren Gelenkflächen werden entlastet, der Raum für die austretenden Nervenwurzeln wird größer. Für die Innenseite verhält es sich genau andersherum, der Raum zwischen den Wirbeln wird enger. Sollte also ein bestimmter Wirbel in Rotationsfehlstellung (Blockierung) zu dieser Seite stehen erhöht sich jetzt der Druck und führt zu stechendem Schmerz. Verweigert also ein Pferd eine Biegungsrichtung hartnäckig muss der Rücken untersucht werden.

Die Abwechslung zwischen Zug- und Druckbelastung für ein Gelenk wie sie durch Wechsel der Biegungsrichtung entsteht ist für den Gelenkknorpel lebenswichtig, denn er wird über Zug und Druck ernährt.

Über den richtigen Schwerpunkt des Reiters wird diskutiert, aber eines zeigt sich aus der Anatomie klar: Die Brustwirbelsäule ist von einem sehr stabilen knöchernen Brustkorb unterstützt, die Lendenwirbelsäule hingegen schwebt freitragend über inneren Organen und letztendlich der Bauchmuskulatur.

   Der Reiter muss mit seinem Gewicht unbedingt auf der Brustwirbelsäule sitzen und hat dafür zu sorgen, dass er weder durch unpassenden zu langen Sattel noch durch zu weit nach hinten verlagerten Sitzschwerpunkt die Lendenwirbelsäule belastet!